Ausbilderprüfung 1

Direkt nach dem Aufstehen schwöre ich mir, dass ich nie wieder eine Prüfung ablegen will. Dieser Stress und diese Anspannung sind einfach nichts für mich.  Dazu der ungewisse Ausgang, nein, das will ich nie wieder. Und wenn aller guten Dinge drei sind, dann habe ich mein Ziel erreicht. Drei IHK-Prüfungen in einem einzigen Leben. Mehr kann wirklich niemand von mir verlangen. Ich frage mich ernsthaft, was ich mache, wenn ich durchfalle. Es erneut versuchen oder akzeptieren, dass ich es nicht drauf habe? Letzteres erscheint mir sinnvoll. Doch noch ist es nicht soweit. Das Wetter ist passend zu meiner Stimmung bescheiden und ich bin wenig begeistert, dass ich sogar auf dem Weg vom Parkplatz zur IHK nass werde.
Dann endlich ist es soweit und der erste Teil der beginnt. Wir sitzen in einem großen Saal und die ersten Aufgaben sehen machbar aus. Leider verfliegt mein Optimismus schon bald wieder, denn die Aufgaben klingen zwar wie Aufgaben, die ich geübt habe, dennoch weiß ich nicht, welches die korrekten Antworten sind. bei manchen Aufgaben scheint es so als wären alle Antworten richtig, aber es hat irgendjemand entschieden, dass lediglich zwei davon wirklich richtig sind. Das ist echt blöd, denn diese Aufgaben lassen in meinen Augen viel Raum zum diskutieren. Vielleicht ist es gut, wenn ich die richtigen Antworten nie erfahre. Was neben einigen Aufgaben noch mehr stört ist die Tatsache, dass ich mich nicht wirklich konzentrieren kann. Ich höre alles, was um mich herum passiert und sehe teilweise die Buchstaben vor mir verschwimmen. Und das liegt sicher nicht daran, dass ich meine Brille abgenommen habe. Mit Brille geht es nämlich gar nicht. Das Alter ist eine
verrückte Sache. Da ich auch verrückt bin, passen wir möglicherweise gut zusammen. Ich versuche langsam zu arbeiten und mich auf die Aufgaben zu konzentrieren. Viele Aufgaben lasse ich zunächst aus, weil sie mir einfach zu knifflig sind. Können die echt keine einfacheren Fragen stellen? Am liebsten mag ich die Fragen, bei denen zwei Antworten falsch sind und passend dazu die zwei Antworten so bescheuert sind, dass man gar nicht wissen muss, was richtig ist, weil sich das aus den beiden unmöglichen Antworten ergibt. Leider gibt es von dieser Sorte Fragen viel zu wenige. Und so mühe ich mich durch die Fragen und versuche entspannt zu bleiben. Und während ich versuche entspannt zu bleiben und die Fragen richtig zu beantworten, stelle ich fest, dass ich total verkrampft hier sitze und wegen meiner verspannten Haltung Kopf- und Nackenschmerzen habe. Das ist echt krank. Als ich am Ende des Fragebogens ankomme ist noch genügend Zeit
mich intensiv um die Fragen zu kümmern, die ich nicht wirklich beantworten kann. Beim Zurückblättern stelle ich obendrein fest, dass ich gleich zwei Seiten komplett ausgelassen habe. Es wäre wirklich schön, wenn ich mich etwas besser konzentrieren könnte. Nun gilt es die richtigen Kreuze in den Prüfungsbogen einzutragen und dabei meine Antworten erneut zu überprüfen.
Erstaunlicherweise kann ich mich dabei sogar einigermaßen konzentrieren, was wirklich hilfreich ist. So erkenne ich, dass ich bei manchen Fragen einfach die falsche Anzahl an Antworten angekreuzt habe. Meist habe ich zu wenige Kreuze gemacht, einmal sogar zu viel. Es ist echt Mist, wenn die Konzentration so schlecht ist. Als die ersten Teilnehmer gehen, macht mich das nervös. Dabei ist noch ganz viel Zeit. Wenige Minuten später sind alle Kreuze aus dem Prüfungsboden verteilt. Ist fast wie Lotto spielen, nur hoffentlich nicht so erfolglos. Ich schaue erneut, ob ich auch wirklich nichts vergessen habe, dann gebe ich den Kram ab und verabschiede mich. Dabei hätte ich noch etwas über eine Stunde Zeit gehabt meine Antworten nochmal zu überdenken. Früher hätte ich es gut gefunden, dass ich zu den ersten gehöre, die mit so einer Prüfung fertig sind. Heute gibt es mir zu denken. Ob das alles so richtig ist? Wie viele Fragen ich richtig beantwortet habe, erfahre ich noch diese Woche. Dann weiß ich, ob ich bestanden habe oder durchgefallen bin.  Für den Moment bin ich erleichtert.
Am Abend gebe ich mir lernfrei, ab morgen muss ich dann schauen, wie ich mich für den zweiten Prüfungsteil vorbereite. Schon beim Gedanken daran verkrampfe ich wieder. Das ist doch Kacke. Ich will das nicht.

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