Wenn Alphatiere kurz den Verstand verlieren

Als ich das Büro betrete, kommt Kollege Joe zu mir und teilt mir mit, dass es gestern mit Teilnehmer 10 zu einem Problem gekommen ist, bei dem der Teilnehmer ihn beleidigt und auch bedroht hat. Weil ich davon ausgegangen war, dass etwas in der Art passieren würde, wenn man die zwei aufeinander loslässt, bin ich nicht überrascht und höre mir die ganze Geschichte an. Angeblich hatte selbst Teilnehmerin 9 Angst vor Teilnehmer 10, was ich mir durchaus vorstellen kann, denn der kann schon beängstigend wirken in seinem Auftreten. Jedenfalls wollte er, also Teilnehmer 10, sich am Ende der irren Kommunikation bei der Geschäftsführung beschweren, kam aber nur bis zur Verwaltung durch, die darauf hinwies, dass ich zuständig sei. Und nun bin ich an der Reihe. Ach nein, zunächst bekomme ich von Joe noch ausführlich erklärt, wie ich in dem Fall weiter vorgehen soll. Und da haben wir wieder eines meiner Probleme, wenn mich etwas nicht interessiert, höre ich auch nicht richtig zu. Das ist sicher nett von Joe gemeint, aber klingt alles zu kompliziert und nach Stress. Stress tut mir nicht gut, davon bekomme ich nur schlechte Laune, gerate ins Schwitzen und bin dann ganz verwirrt. Zudem bin ich gerade erst angekommen und daher ist mir das alles gerade echt zu kompliziert. Ich muss nachdenken, das geht aber kaum, wenn man auf mich einredet. Nachdem der gut gemeinte Wortschwall endet und ich theoretisch weiß, bzw. wüsste, wenn ich zugehört hätte, was nun meine Aufgabe ist, muss ich mich erstmal von dem morgendlichen Schreck eine Weile erholen, bevor ich Teilnehmer 10 anrufe. So starre ich kurz vor mich hin, mache mir einen Tee und nachdem etwa zwei Stunden fast wie im Flug vergangen sind, rufe ich auch schon an. Der Teilnehmer ist am Telefon erstaunlich freundlich und erzählt mir seine Version der Geschichte. Klingt natürlich anders, was aber wenig überraschend ist. Wie er es schildert, wurde er von Joe provoziert, bedrängt, quasi bedroht und das kann man mit ihm nicht machen, da wird er dann sauer. Außerdem forderte er Joe, so sagt er, mehrfach auf, ihn in Ruhe zu lassen. Nachdem er sagte, er wolle sich bei mir beschweren über Joe beschweren, soll dieser gesagt haben, dass ich hier gar nichts zu sagen habe. Schon beim Zuhören kann ich mir lebhaft vorstellen, wie die beiden Alphatiere sich da angeschaut und gegenseitig hochgeschaukelt haben. Richtige Männer weichen nur im Extremfall eventuell zurück. Ob ich auch mal so ein richtiger Mann werde? Ich glaube nicht. Teilnehmer 10 jedenfalls will nie wieder mit diesem unverschämten Kerl zusammenarbeiten. Plötzlich ist es fast so als wäre ich der verständnisvolle Onkel, obwohl ich selbst schon mehrfach kurz davor war Teilnehmer 10 rauszuwerfen, weil er seine Provokationsnummer abgespult hat. Ich bin nur jedes Mal, wenn ich merkte, dass es unschön werden könnte, einfach aus dem Raum gegangen. Vermutlich weil ich schon immer konfliktscheu war. Verrückte Welt.

Nach dem Telefonat denke ich kurz über die beiden Alphahörnchen nach. Der provozierende Teilnehmer, der gerne auf knallhart macht, Grenzen austestet und dem manchmal, vermutlich aus Versehen, ein Lächeln durchs Gesicht huscht. Sobald er das merkt, guckt er wieder ganz cool, vielleicht auch böse. Und sobald er merkt, dass sein Handeln für ihn unangenehme Folgen haben wird, bekommt er allerdings Angst und schaltet einen Gang zurück. Auf mich wirkt er oft wie jemand, der auf der einen Seite ziemlich unsicher ist und auf der anderen Seite irgendeinen Alphamännchenstatus zu verteidigen hat. Irgendwie passt das nicht wirklich zusammen. Kollege Joe, der Provokateur, der auch ein Alphamännchen ist, und Teilnehmer 10 können gemeinsam einfach nicht funktionieren. Das ist klar. Ebenso war klar, dass Joe nicht zurückstecken, sondern den Teilnehmer auf seine Art weiter anpieksen wird, weil er eben so ist. Das allerdings finde ich in dem Fall durchaus bedenklich, denn es ist zwar gelegentlich durchaus angemessen, ab und zu mal zu provozieren oder auch etwas Druck auszuüben, wenn aber ersichtlich ist, dass es zu nichts außer einer möglichen Eskalation führt, sollte der Klügere sich zurückziehen. Der Klügere in dieser Konstellation sollte immer der Jobcoach sein. Und ein Mann mit der Erfahrung von Joe, sollte sich grundsätzlich nicht von seinen Alphamännchengenen leiten und sich in ein derartiges Machtspiel mit einem Möchtegernalphamännchen einlassen. Zumindest nicht während der Arbeitszeit. Weil so Alphamännchenkindereien nichts für mich sind und keinem weitergeholfen haben, werde ich Teilnehmer 10 lediglich von Joe trennen.

Am nächsten Tag befrage ich noch Teilnehmerin 9 zu dem Vorfall, da sie ja währenddessen anwesend war. Sie bestätigt die Provokation durch den Teilnehmer und sagt, dass Kollege Joe immer ruhig geblieben ist. Sie ist nicht der Mensch, der direkt erkennt, dass man auch jemanden zur Weißglut bringen kann indem man ruhig bleibt und souverän auf Außenstehende wirkt. Vielleicht findet sie es auch unangemessen einen Mitarbeiter schlecht dastehen zu lassen. Nachdem ich mich versichert habe, dass sie kein Problem hat, wenn Teilnehmer 10 und sie auch zukünftig zur gleichen Zeit hier anwesend sind, gibt es für mich keinen Grund irgendwas gegen Teilnehmer 10 zu unternehmen.

Wenig später findet das finale Gespräch mit Teilnehmer 10 statt. Er schildert seine Sicht der Dinge, wird dabei selbst zwar fast zu einem Unschuldslamm, aber alles andere wäre aus seiner Sicht auch Wahnsinn. Zwei seiner Aussagen passen perfekt zum Gesamtbild dieser Posse, ändern aber auch nichts mehr. „Sie glauben Ihrem Kollegen sicher mehr.“ – „Das spielt gar keine Rolle.“ Vermutlich wird in den Aussagen des Kollegen mehr Wahrheit stecken, doch ehrlich gesagt ist mir das egal, denn ich war nicht dabei. Als nächstes hat Teilnehmer 10 noch einen Klassiker, der einfach nicht fehlen darf, im Angebot. „Vielleicht ist ihr Kollege ja Rassist.“ – „Nein, das ist er nicht.“ Was soll nur immer diese Rassismuskarte? Mit dem Rassismusquartet wird hier nicht gespielt, das ist mir nämlich zu doof und billig. Weil ich der Boss hier bin, ohne etwas zu sagen zu haben, versichere ich dem Teilnehmer, dass er nicht mehr mit Joe zu tun haben wird und wir beenden das Gespräch. So viel Aufregung gleich zu Wochenbeginn. Da sollte der Rest der Woche wirklich harmonisch ablaufen, denn ich bevorzuge Harmonie und Sonnenschein. Damit ist das Thema für mich durch. Wenn sich in den nächsten Wochen niemand verletzt und die beiden nicht mehr aneinander geraten, lasse ich mich eventuell heiligsprechen. Mal schauen.

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