Letzter Urlaub 2018. Zweite Woche

Montag:
Es ist 08.00 Uhr als mich der Wecker, der gestern um 07.00 Uhr klingelte, aus dem Schlaf reißt. Ich habe den Wecker gestern nur ausgemacht und sicher nicht gestellt, weshalb ich keine Ahnung habe, wieso er klingelt. Vermutlich ist er ein Arschloch.

Am Nachmittag lasse ich mich von einer chinesischen Heilpraktikerin untersuchen. Vielleicht kann sie mir helfen. Nachdem sie meine Zunge betrachtet und den Puls an beiden Handgelenken gemessen hat, sagt sie, dass ich innerlich total angespannt bin. Laut der Frau gibt es obendrein ein Problem zwischen warm und kalt in meinem Körper, weshalb ich häufig kalte Füße und Hände habe und Kälte nicht gut vertrage. Und zu viel Wärme eben auch nicht. Meine warme Seite müsste ausgeprägter sein, oder so. Ich bin natürlich für den Moment beeindruckt und schildere meine Darmprobleme. Auch das scheint die Frau nicht zu überraschen. Sie sagt, dass sie da was tun kann, ich aber auf jeden Fall eine Magenspiegelung machen soll, um herauszufinden, ob der Helicobacter Pylori bei mir ein Zuhause gefunden hat. Man muss immer die Möglichkeiten kombinieren. Schulmedizin und traditionelle chinesische Medizin, wenn man den größten Erfolg haben will. Leuchtet mir ein, wobei eine Magenspiegelung mich wenig reizt. Ich habe da mal von einem Atemtest statt der Spiegelung gehört und werde mich bei Gelegenheit erkundigen.
Wenige Augenblicke später werden Nadeln in mich hineingestochen. Eine in den Kopf, drei in den Bauch, eine ins Gesicht, zwei unter die Knie und jeweils eine in den mittleren Zeh. Manches davon tut weh. Dazu wird der Bauch mit Wärme bestrahlt und ich bin kurz danach für meine Verhältnisse ziemlich entspannt. Die Frau Chinesin lernt währenddessen deutsch und sagt sich laut irgendwelche Begriffe vor bzw. versucht sie richtig auszusprechen. Stört mich nicht, denn ich mit verdammt entspannt. Wie kurz vor dem einschlafen. Nach einer gewissen Zeit werden die Nadeln aus dem Bauch entfernt und es gibt Nadeln in die Handgelenke und in die Brust. Gut für die Seele oder so. Am Bauch werde ich noch geschröpft, dann wird mir der Bauch zugedeckt und eine andere Patientin im gleichen Raum behandelt. Diese hat wohl auch Darmprobleme und erhält genaue Erklärungen von der Frau aus China. Mitunter verstehe ich nicht, wovon sie spricht, weil ihr deutsch manchmal lustige Sachen produziert. Mir soll es egal sein. Nach einer Weile werde ich die Nadeln los, habe vom Schröpfen lustige Spuren auf dem Bauch und bekomme noch drei Akupunkturpflaster ins Ohr geklebt. Die sollen dort eine Woche verweilen bevor die Behandlung fortgesetzt wird. Mein Körper braucht mehrere Behandlungen, um einen besseren Zustand zu erreichen. Warum auch nicht? Ein besserer Zustand kann nicht schaden.

Später erfahre ich, dass man mir auch ohne Pulsmessung ansehen kann, dass ich total angespannt bin. Das gibt mir zu denken, bedeutet es doch möglicherweise, dass die chinesische Heilpraktikerin nur das für jeden Offensichtliche erkannt hat. Und zwar lange bevor sie meinen Puls gemessen und die Zunge gesehen hat. Vermutlich ist am Ende alles bloß Humbug.

Dienstag:
Mit den Akupunkturpflastern kann ich nicht auf der linken Seite liegen, weil es dann ziemlich weh tut. Dennoch schlafe ich gut, wache zwar ab und zu auf, verliere aber rasch wieder das Bewusstsein. Insgesamt fühle ich mich irgendwie anders als sonst und glaube entspannter zu sein. Ein Placebo-Effekt, reines Wunschdenken oder eine tatsächliche Verbesserung? Ob ich es je wissen werde? Jedenfalls stehe ich gegen 08.40 Uhr ziemlich verschlafen und ungestresst auf. Alles sehr verwirrend.

Im Laufe des Tages muss ich feststellen, dass ich für meine Verhältnisse sehr entspannt bin. Also schnappe ich mir den Benz und wir machen eine kleine Tour. Ich weiß echt nicht, wie es sein kann, dass ich so gelassen bin. Entweder wirkt die Akkupunktur tatsächlich oder es ist nur einer der selten gewordenen innerlich wirklich entspannten und ruhigen Tage. Was auch immer dafür verantwortlich ist, davon hätte ich gern mehr. Vielleicht bin ich tatsächlich im Urlaub angekommen.

Mittwoch:
Die Nacht ist nicht ganz so entspannt wie die letzte und der Schlaf wird einmal sehr unschön unterbrochen als ich mich auf die linke Seite drehe. So Akupunkturpflaster können echt wehtun.

Die Post des Tages ist auch da. Für mich gibt es die Quittung für meine Raserei. 15 Euro, weil ich nach Abzug der Toleranz mit 37 km/h durch die Gegend gerast bin. Auf dem Foto sehe ich wirklich alles andere als attraktiv aus. Überhaupt frage ich mich, ob es mit der Datenschutzrichtlinie vereinbar ist, mich ohne meine ausdrückliche Einwilligung so unvorteilhaft abzulichten.

Den Tag verbringe ich mit Agnes in Herford im Marta. Ich bin nicht ganz so entspannt wie am Vortrag, aber für meine Verhältnisse doch entspannter als sonst.

Donnerstag:
Die Nacht verläuft normal und dann mache ich etwas, was ich schon seit vier Jahren vor mir herschiebe. Damals fing ich an meinen Balkon zu streichen und wollte die Umrandung an der einen Seite rasch danach auch noch streichen. Mir wird erst jetzt bewusst, wieviel Zeit seitdem vergangen ist. Zum Glück kann ich die Farbe noch nutzen und so sieht der Bereich einige Zeit später endlich ordnungsgemäß aus. Ich verstehe nicht, wie ich den abscheulichen Anblick so lange Zeit ertragen konnte. Außerdem frage ich mich, wo ich ausgerechnet jetzt die Lust und Energie her hatte, um das zu tun. Und wieso habe ich es in den vier Jahren zuvor nie geschafft? Das ist schon irgendwie verwirrend.

Da ich keinen Widerspruch wegen meiner Raserei einlegen will, zahle ich brav das Bußgeld und hefte den Bescheid anschließend in den Ordner mit allen bisher erhaltenen Strafzetteln. Auch eine völlig sinnlose Angelegenheit. Aber so bin ich. Vollkommen merkwürdig in dem was ich tue.

Am Nachmittag fahre ich wieder eine Runde mit dem Benz. Es ist fast so wie früher und ich frage mich, wann und wieso ich aufgehört habe, mir ab und zu solche Ausfahrten in entspannter Verfassung zu gönnen.

Am Abend schaue ich wie üblich zwei Filme und stelle fest, dass ich noch immer ziemlich entspannt bin. Der übliche Druck und diese völlige Rastlosigkeit haben sich zurückgezogen. Verwirrend, aber sehr angenehm. Auch die Darmprobleme halten sich besonders am Abend erstaunlich bedeckt. Grund genug zu hinterfragen, woran es wohl liegen kann. Akupunktur, Ölziehen, Urlaub, das Wetter? Zufall? Ist das einfach nur eine längst vergessene Phase, die mich spontan wieder besucht hat; und all meine anderen Vermutungen sind falsch? Werde ich es je wissen? Sollte dieser Zustand noch bis zum Urlaubsende anhalten, wird es interessant sein zu erfahren, wie es ist, wenn ich wieder im Büro sitze. Und falls es dort wieder schlechter wird, muss ich dann unverzüglich mit der Arbeit aufhören? Und wenn ja, wer finanziert mir das? So viele Fragen, so wenige Antworten.

Freitag.
In der Nacht schlafe ich tief und fest und scheine sogar das regelmäßige Aufwachen zu vergessen. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern als ich gegen 08.00 Uhr aufwache. Sehr guter Zustand.

Ich schnalle mir meine Knieschoner um und wische Küche, Flur und Bad. Ohne Knieschoner geht echt gar nichts mehr. Sobald meine Knie irgendwelchen Kontakt haben, durchfährt meinen Körper ein unschöner Schmerz. Ich sollte mir dieses ganze hinknien und auf den Knien durch die Gegend wirbeln abgewöhnen. Bis ich das verinnerlicht habe, helfen nur Knieschoner. Macht mich nicht gerade attraktiv, ist aber alternativlos.

Das Wetter ist erneut vorzüglich und bietet so viele Möglichkeiten einen weiteren schönen Tag zu haben. Daher gehe ich zum Friseur, weil meine Haare nicht liegen, wie ich es gerne hätte und ich zuletzt im August meine Haare schneiden ließ. Der Mann, der mir sonst die Haare schneidet, ist nicht da, was ich durchaus begrüße. So komme ich in den Genuss, dass mir eine sehr junge Frau de Haare schneidet. Ich genieße es sehr, dass es länger dauert, denn so nah kommt ein Mann meines Formats sonst nicht an eine junge Frau. Sie duftet irgendwie jung und ich mag es, wenn ihre jungen Hände meinen Kopf und mein Gesicht berühren. Ich werde im Alter noch zu einem echten Genießer. Währenddessen nimmt auf dem Friseurstuhl neben mir Max Platz. Ich tue so als würde ich ihn nicht bemerken, obwohl das unmöglich ist. Seine prägnante Stimme und seine immer gleichen Geschichten, die er heute mit einer anderen Friseurin austauscht, machen ihn so einzigartig, dass ich penetrant zu Boden schaue, um nicht noch in irgendeine Art Gespräch verstrickt zu werden. Zum Glück lässt er seine Haare nur minimal kürzen und ist, obwohl er erst nach mir dran war, vor mir wieder weg. Ich verstehe eh nicht, was er in einem türkischen Friseursalon zu suchen hat, wo er doch die ganzen Ausländer hier im Ort nicht mehr sehen kann und bald wegziehen will. Deutsche Friseure sind ihm wohl zu teuer, dem alten Heuchler.
Anschließend gehe ich beim Griechen eine Kleinigkeit essen und fürchte die ganze Zeit, dass Max sich plötzlich zu mir sitzt und wir Freunde werden.

Weil man so unfassbar viel bei dem schönen Wetter machen kann, ist es vermutlich eine Schande, dass ich mich auf den Balkon setzte, von der Sonne brutzeln lasse und ein Buch lese. Kurzzeitig überlege ich, ob das nicht Verschwendung ist, dann aber verwerfe ich den Gedanken und lese einfach, weil ich gerade nichts anderes tun will. Möglicherweise bekomme ich dabei meinen ersten Oktobersonnenbrand. Lustig.
Es ist als hätte ich noch viel Zeit, als wäre nicht längst der größte Teil meines Lebens vorbei, als müsste ich mir keine Sorgen machen, es fühlt sich an als wäre ich mindestens zwanzig Jahre jünger und müsste mir um nix Gedanken machen, sondern könnte, im hier und jetzt, ewig so weitermachen. Als wäre ich ausgewechselt worden, getauscht gegen eine andere Version von mir. Verstehe ich zwar nicht, aber finde es gut. Alles scheint im Fluss.

Am Abend bin ich plötzlich im Kreuzviertel. Es ist viel wärmer als erwartet und ich bin ganz angetan davon. Erst viel später meldet sich mein Darm zurück. Verfliegt langsam der Urlaubszauber?

Samstag:
Das Wetter ist erneut phantastisch, was mich nicht von der üblichen Samstagsroutine (Essen und einkaufen gehen) abhält. Später wird der Benz aufgetankt der Reifendruck auf 3,8 erhöht und die Batterie abgeklemmt. Auch wenn nichts nach Winterschlaf aussieht, macht der Benz ab heute seinen Winterschlaf.

Erneut sitze ich auf dem Balkon und bin noch immer für meine Verhältnisse unfassbar entspannt. Lediglich der Darm hat seine Entspanntheit ein wenig reduziert. Ich lese bis es zu dunkel ist und schaue anschließend zwei Filme. Damit habe ich in meinem Urlaub schon 19 Filme geschaut. Mir ist definitiv nicht mehr zu helfen und es ist mir völlig egal.

Sonntag:
Mein Körper hat es sich scheinbar angewöhnt, um kurz vor 08.00 Uhr den Schlaf zu beenden. Finde ich gar nicht so verkehrt.

Beim Training bin ich Saft- und Kraftlos. Das kommt sicher davon, dass ich im Urlaub, entgegen meinen Vorsätzen, keinen zusätzlichen Trainingstag eingelegt habe. Das findet mein Körper scheinbar doof. Als ich gegen Ende des Trainings aufs Laufband will, signalisiert mir mein Knie, dass ich das direkt vergessen kann. Also klettere ich widerwillig aufs Fahrradergometer und selbst das nimmt mein Knie mir übel. Nach elf Minuten gebe ich auf. Dann eben nicht.

Den Nachmittag und Abend verbringe ich in Gesellschaft und bin weiter entspannt. Das Leben sollte immer so ablaufen, vielleicht wäre ich dann nicht so ein verkrampfter Kontrollfreak.

Das war ein für mich sehr entspannter Urlaub. Die zweite Woche kann fast schon als unbeschwert bezeichnet werden. Wer werde ich wohl ab Dienstag wieder sein? Wie wird es sein? Was werde ich davon halten? Was hat es zu bedeuten, dass meine Uhr am Ende des Urlaubs runterfiel und seitdem keinen Halt mehr findet? Und was soll ich davon halten, wo sie gelandet ist?

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18 thoughts on “Letzter Urlaub 2018. Zweite Woche

  1. das hört sich doch alles ganz gut an. hauptsache das mit der uhr bedeutet nicht dass deine zeit abgelaufen ist;-)

  2. 15 Euro Strafe + Foto? Ich habe noch nie Post mit einem Bild von mir bekommen. Vielleicht Selbstschutz der Radaranlagen 😀

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